Gardelegen

Bericht von Amaro Castelvis (zit. aus: "Häftling 20801" von Aimé Bonifas, Berlin 1975, S.197 f.)

Amaro habe ich einen Monat später in Frankreich wiedergetroffen, wunderbarerweise ist er am Leben geblieben. Er erzählt mir, was ihm geschehen ist. Nachdem er mich verlassen hatte,wurde er ein paar Dutzend Meter von mir entfernt durch eine deutsche Patrouille verhaftet. Er hat sehr laut gesprochen, um mich dadurch zu warnen. Ich habe nichts gehört und nichts gesehen, obwohl ich mich nicht erinnern kann, eingeschlafen zu sein. Es ist ein Wunder, dass ich nicht auch erwischt wurde. Amaro begegnete wieder zwei Russen. Jeden Augenblick erwarteten sie, mit einem Genickschuss ermordet zu werden. Man brachte sie nach Gardelegen und übergab sie der SS. Durch Gardelegen kamen die Amerikaner erst am 13. abends. Ihre Kolonnen hatten zuerst die Stadt einfach umfahren. Während der Nacht, als die Stadt schon eingeschlossen und überrundet war, sammelten die SS-Leute alle Häftlinge, die wieder aufgegriffen waren, und führten sie in eine große Scheune. Es dürften etwa zwölfhundert gewesen sein, unter ihnen zweihundert Franzosen. Sicher waren unter ihnen viele Kameraden, von denen niemand weiß, wie sie verschwunden sind. In der Scheune befand sich Stroh. Maschinengewehre wurden auf alle Ausgänge in Stellung gebracht. Dann versuchten die SS-Leute, das Stroh mit Zeitungspapier anzustecken. Aber jedesmal löschten die Gefangenen das Feuer. Also schossen sie Brandgranaten. Die Scheune flammte auf und wurde zur Fackel. Schreckliche Schreie erschollen aus diesem riesigen Scheiterhaufen. Alle, die zu den Türen stürzten, wurden niedergeschossen. Immer noch besser, durch eine Kugel zu fallen, als lebendig verbrannt zu werden! Amaro befand sich nahe an der Tür. Das Maschinengewehr schoss einige Zentimeter links an ihm vorbei. Die Leichen der unglücklichen Opfer fielen auf ihn und bildeten eine Mauer, die ihn eine Zeitlang vor den Flammen schützte. Als die SS-Leute sahen, dass niemand mehr herauskam, flohen sie schleunigst. Amaro schleppte sich, buchstäblich wahnsinnig, nach draußen. Er hat mir versichert, dass von den zwölfhundert Männern kaum ein Dutzend lebend aus diesem Scheiterhaufen entkommen sind. Am Morgen kamen die Amerikaner in die Stadt. Die Scheune rauchte noch, und sie entdeckten die Hunderte verkohlter Leichname. (...)

Einige Tage später las ich einen Bericht mit Bildern in einer amerikanischen Zeitung. Es ist jetzt nachgewiesen, dass Himmler den Kommandanten der Konzentrationslager den Befehl gegeben hatte, alle Häftlinge zu vernichten und alle Spuren von ihnen zu beseitigen.

 

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