Bericht über Zwangsarbeit in Osterode

(Die folgende Zusammenfassung gibt Informationen aus dem Brief eines heute in Kanada lebenden ehemaligen Zwangsarbeiters wieder und lässt ihn auch selbst zu Wort kommen.)

Herr H. W. wurde 1928 in Leipzig geboren und nach den Rassegesetzen als "Halbjude" behandelt. Trotz Erschwerung des Schulbesuchs konnte er 1942 mit einem Abschluss die Volksschule verlassen und eine kaufmännische Lehre beginnen. Von 4 angewiesenen Lehrstellen wurde er auf Grund der Abstammung von 3 abgewiesen. Die Lehre in einem kleinen Handelsbetrieb beendete er mit einer Prüfung im August 1944.

Einziehung zur Zwangsarbeit

Am 18. Oktober 1944 wurde in Leipzig der Volkssturm aufgestellt und zur gleichen Zeit waren in der Regierung Scholz und Klinger damit beschäftigt, sogenannte "jüdische Mischlinge" und "jüdisch Versippte" verstärkt für das Rüstungsprogramm zu rekrutieren.
Am 11. November 1944 bekam Herr H. W. in einem Einschreiben eine gedruckte Postkarte mit der Aufforderung, sich am 14. November, 18 Uhr, in einer Leipziger Volksschule einzufinden mit Reiseproviant für die Fahrt zu einem Arbeitseinsatz an einem ungenannten Ort. Er vermutete, dass es zur Ostfront ginge, um die Verteidigungslinie mit aufzubauen.

Am 14. November kamen ca. 60 bis 80 Männer meist im Alter von 30 bis 60 Jahren in der Schule zusammen. Nur sehr wenige, zu denen mit seinen damals 16 Jahren auch Herr W. gehörte, waren jünger als 25. Sie wurden von ihren Angehörigen begleitet. Gegen 21 Uhr wurden eine Marschkolonne zusammengestellt für den Marsch zum Leipziger Hauptbahnhof. Die Angehörigen waren nicht weiter zugelassen. Bei völliger Dunkelheit erreichten sie den Bahnhof ca. eine Dreiviertelstunde später. Am Anfang und Ende der Kolonne waren "Herren in Zivil" als Begleitung (vom Arbeitsamt, Gestapo ?). Gegen 23 Uhr begann die Abfahrt des Personenzuges zu einem den Männern unbekannten Ziel und gegen 6 Uhr morgens kamen sie am 15. November 1944 in Osterode an. Herr W. war erleichtert, dass er nicht an die Ostfront gebracht worden war.

Ankunft in Osterode und Unterbringung

Der ganze Transport wurde zum Marktlatz gebracht und vor dem damaligen "Partei-Büro" aufgestellt. Die Begleiter des Transports übergaben die Zwangsverpflichteten den Parteifunktionären. Am Vormittag ging es dann geschlossen zum Kornmarkt, wo jeder einen gefüllten Strohsack bekam. Von hier bewegte sich der ganze Transport, jeder einen Strohsack schleppend, zur Gaststätte "Zur Linde" im Ortsteil "Freiheit".
 
Im Anbau des Hauses befand sich ein Saal, in dem sie einquartiert wurden. Ca. 60 Mann, Strohsack an Strohsack auf dem Fußboden, füllten den Saal vollkommen aus. Im Hof des Gebäudes waren 2 Außentoiletten mit Grube (keine Wasserspülung). Einige der Zwangsarbeiter wurden Sprecher für den ganzen Transport, um Bestimmungen und Aufträge entgegenzunehmen und weiterzugeben.

Arbeitsstellen und -bedingungen

In den darauf folgenden Tagen wurden alle, wie H. W. schreibt, "in einer Tännerei" in Osterode beschäftigt, die als Werkstatt zur Holzbearbeitung eingerichtet war. Das Gebäude hatte Erdgeschoß und Obergeschoß mit einer riesigen Öffnung in der Diele. Durch diese Öffnung konnte alles, was nicht auf der Holztreppe nach unten gebracht werden konnte, nach unten gelassen werden.

Bau von Baracken in Petershütte

Ca. 1 Woche später wurde die Gruppe aufgeteilt für die weitere Beschäftigung auf einer Baustelle in Petershütte. Hier war laut H. W.s Angaben "eine Firma Schmitz vom Rheinland" bei den Bauarbeiten vertreten. W.s erste Beschäftigung dort war die Mitarbeit beim Aufstellen der Kantine, meistens Dacharbeiten. Die Arbeitszeit war täglich von 6 bis 18 Uhr abends, 12 Stunden. Dazu kam noch der Arbeitsweg per Fuß von der "Linde" (Freiheit) nach Petershütte und zurück.

Nach dem Aufstellen der Kantine wurden wieder Arbeitsgruppen eingeteilt, und Herr W. kam mit zu den Kolonnen, die Baracken aufzurichten hatten. Erst nach und nach erfuhren sie, für wen sie bestimmt waren, KZ-Häftlinge.

Die Baracken bestanden aus vorgefertigten Holzrahmen, ausgefüllt mit Gips, ca. 5 cm tief. Die einzelnen Rahmen (Größe: ca. 150 cm breit, 250 cm hoch) hatten reichlich Gewicht und es waren 4 Mann nötig, um sie zu transportieren und aufzustellen. Den ersten Arbeitsunfall gab es, als eine ganze Wandfront einstürzte. Ein etwa 60 Jahre alter Lektor des Leipziger Verlages B. G. Teubner erlitt einen schweren Schädelbruch und fand Aufnahme im Krankenhaus Osterode. Herr W. erinnert sich, dass er Fachbücher in verschiedenen Sprachen überprüfte.

Stollenbau

Am 18. Januar, einem sonnigen Wintertag, konnten die Zwangsarbeiter ca. 5000 Meter hoch über sich sehen, wie ein Geschwader anderen folgte. Nach Herrn H. W. handelte es sich um amerikanische Bomber. An diesem Tag endete auch die Beschäftigung am Bau und die Leipziger Deportierten wurden den Arbeiten an den 2 Bergstollen zugeteilt.

Sie wurden in der Schlosserei, Schmiede, Elektro-Werkstatt, im Lager und Stollen beschäftigt, außer ihnen noch russische Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und deutsche Bergarbeiter. Letztere "waren an vielen Orten beschäftigt, von Rußland bis Osterode, und ließen wissen, wo immer sie waren, nie wurde ein Bauunternehmen mit ihnen beendet." Durch die zu verrichtende Arbeit bestand mit allen Kontakt. H. W. berichtet, dass er oft von seinem Fenster habe mit ansehen können, wie verletzte KZ-Häftlinge von 3 ihresgleichen unter SS-Bewachung von den Stollen in die Baracken getragen wurden.

"Die ausführende Firma hieß Deutsche Schachtbau A.G. und einige dieser Herren (Obersteiger) verteilten die Arbeitsplätze. Der Obersteiger B. bestimmte mich zum Kompressor-Wärter und ich führte diese Arbeit bis zum Einstellen des Bauunternehmens aus. ...

In Betrieb waren 3 große von Drehstrom-Motoren getriebene Kompressoren mit außerordentlicher Lautstärke."

Es wurde in zwei Schichten gearbeitet, täglich von 6 bis 18 Uhr bzw. von 18 bis 6 Uhr in wöchentlichem Wechsel. In der Nacht war wegen der Fliegergefahr keine Beleuchtung im Gebäude. Auch bei Fliegeralarm wurden die Arbeiten in den Stollen nicht unterbrochen. Zwar gingen sämtliche Arbeitsgruppen während der Fliegeralarme in die Stollen, doch H. W. musste bleiben, um die Kompressoren weiterhin zu bedienen, damit die Arbeit fortgeführt werden konnte. Die als Kantine dienende Baracke wurde nach seinen Angaben auch tagsüber etliche Male von Tieffliegern beschossen.

Während seiner Beschäftigung ging er mehrmals in den Stollen mit Maschinenmeister M. bis weit ans Ende, wo man noch dabei war, die Bohrlöcher zum Sprengen ins Gestein zu bohren. Während der Sprengungen versammelten sich alle in den Verbindungsgängen der beiden Stollen. Das Abtragen und Ausfahren des Gerölls erfolgte mit "Salzgitter Ladern" die auch mit Pressluft betrieben wurden.

Herr W. berichtet: "Ich mußte große Siebe welche für das Kühlwasser benötigt werden in der Söse waschen. 2mal fiel ich dabei in die vorbeifließende Söse. ...

Die uns zugeteilten Rationen waren sehr gering bemessen und es gab keine Möglichkeit sie aufzubessern."

Kriegsende und Heimkehr

"Inzwischen war uns bekannt man hält uns hier bis zum Ende des Krieges, keiner wußte wann und wie es kommen wird. In den letzten Tagen im März, 45 begann man in der Nacht das Artillerie-Feuer zu hören und näher kommen. Bald war es so weit, Ostern 45 wurde bekannt die hohen Herren der Bauleitung haben sich abgesetzt, das Bauunternehmen wurde eingestellt." Da es zu jener Zeit zu gefährlich war, sich ohne jegliche Papiere tagsüber sehen zu lassen, bekamen die Deportierten "Entlassungspapier" von der auch an der Baustelle tätigen OT-Führung. Mit diesen Bescheinigungen hatten sie sich auf dem zuständigen Arbeitsamt für einen weiteren Einsatz zu melden.

Am 3. April 45 gegen 23 Uhr verließ Herr W. Osterode. Auf der Straße von "Freiheit" zur Innenstadt wurde er von ortsansässigen Volkssturmmännern mit Luftschutzhelm und Gewehr auf der Schulter kontrolliert. Dank des Entlassungsscheines hatte alles seine Richtigkeit. Per Bahn kam er bis Bad Lauterberg, von dort musste er zu Fuß weiter in Richtung Nordhausen. Nach seinen Beobachtungen fuhren Wehrmachtsautokolonnen in beiden Richtungen die ganze Nacht durch.

In Nordhausen erlebte er am 4. April 45 vormittags auf dem Bahnhof den Luftangriff mit. "Jeder Zug wurde beschossen der den Bahnhof verließ. In den Unterführungen zwischen den Bahnsteigen lag ich mit Soldaten, Frauen und Kinder[!] flach auf dem Boden." Da nach dem Angriff keine Züge mehr von Nordhausen fuhren, marschierte Herr W. mit vielen anderen aus der Stadt. Ab Sangerhausen konnte er mit einem Zug bis kurz vor Halle fahren. Früh gegen 4 Uhr wurde der Zug beschossen und alle rannten in die nahen Felder. Außerhalb von Halle bekam er noch einen Zug bis nach Leipzig und erreichte sein Zuhause früh 6 Uhr am 5. April 1945.

Erst am 12. April meldete er sich auf dem Arbeitsamt, "...doch wie auf allen Stellen war alles durcheinander. In diesen Tagen sah man in Leipzig die SA in Uniform, mit Gewehr auf den Straßen, an etlichen Zufahrtsstraßen wurden Löcher gegraben für Panzerfaust-Schützen." Als weitere Verteidigungsmaßnhme wurden auf den Brücken mit Sand gefüllte Straßenbahnwagen quer gestellt, um Panzer aufzuhalten. Am Mitwoch, dem 18. April 1945, erblickte Herr W. gegen 11 Uhr morgens die ersten amerikanischen Soldaten auf den Straßen von Leipzig. Aus den Fenstern "...hingen weiße Bettücher und Kopfkissen, die Wohnungen wurden durchsucht ..."

Herrn W.s Resümée

"14 000 jüdische Bürger von Leipzig sind nicht zurückgekommen aus den Lagern, wohin sie transportiert wurden. Was alles noch in Vorbereitung war für den Rest der unter den Nürnberger Gesetzen geführten Personen, läßt sich in den nach Jahren erschienenen Büchern lesen. Wohl jede Familie in Deutschland hat Opfer gebracht. Das Zuhause wurde zerbombt, der Vater oder Sohn kam nicht zurück, den nicht zur "Volksgemeinschaft" Gehörenden wurden alle Mittel genommen, sich zu erhalten, oder ausgestoßen. ...

Im vergangenen Jahr kam ich für 2 Monate nach Deutschland, auch nach Osterode für ein paar Tage.

Hier durchlaufe ich die Stadt und auch die Gegend, wo ich meinen Aufenthalt während des Krieges hatte. Viel hat sich verändert, doch die Bilder von der damaligen Zeit sind noch fest und nicht verloschen in meiner Erinnerung. Nie verlasse ich Osterode, ohne nicht dankbar zu sein für das mir damals gegebene Glück, die Zeit heil zu überstehen, und gedenke auch derer, die das Ende dieser Zeit nicht erleben durften."

 

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