Das Außenlager Wieda

Teil des ehem. Lagers mit alter und neuer Bebauung

Hier wurde am 11.5.1944 die Hauptstelle der SS-Baubrigade III unter Führung von SS-Obersturmführer Karl Völkner aus Halberstadt mit 311 Häftlingen eingerichtet. Sie befand sich im alten, 1890 errichteten und zu der Zeit leerstehenden Schützenhaus östlich der Hauptstraße in Wieda, in etwa gegenüber der Freifläche des ehemaligen Sägewerkes unterhalb des heutigen Friedhofes. Die Einrichtungsgegenstände wurden mit 12 Waggons, verladen auf Rollböcken der Südharzeisenbahn, aus dem Rheinland nachgeliefert. Das Gelände samt Schützenplatz war rechtwinklig eingezäunt und mit Postentürmen in den vier Ecken ausgestattet. Das noch heute vorhandene Schießhaus wurde als Verpflegungsbaracke hergerichtet.

Die Trinkwasserversorgung des Lagers erfolgte vom Brunnen im Eulental aus und über einem eigenen, etwa 200 m oberhalb gelegenen Sammelbehälter. Südlich an das Lager angrenzend lag die Försterei West in Wieda, die aus einem vom Hang offen zulaufenden Graben mit Trinkwasser versorgt wurde, der offen auch durch die Südostecke des Lagers führte. Auf dem Weg zum südöstlich der Umzäunung befindlichen Lagerschuppen mußten Insassen und Wachmannschaften den Graben queren. Hierdurch wurden Beschwerden der Försterei über eine Verunreinigung des Wassers laut.

Weiter westlich gegenüberliegend (heute Freifläche mit Garage an der Wieda) wurden weitere, ebenfalls eingezäunte Baracken errichtet, eine davon enthielt die Sanitätsabteilung. Zu deren Wasserversorgung wurden zwei noch vorhandene Brunnen an der Herrenwiese genutzt. Neben dem Lager bestanden im Bereich des heutigen Trafohäuschens zwei Baracken für die bewachenden Luftwaffensoldaten mitsamt einem Friseur; bei letzterem haben sich auch Wiedaer Bürger die Haare schneiden lassen. Ergänzt wird das Ensemble durch den Kfz-Park mit Garagen.

Der französiche Deportierte Marcel Orset erinnert sich:

"Parallel zur Straße standen die beiden Hauptgebäude. Das erste Gebäude rechts vom Eingang, ein alter Bau mit Spitzdach, der bereits vor dem Entstehen der ersten Konzentrationslager gebaut sein mußte, war in Speisesaal, Schreibstube, Revier und Schlafraum unterteilt. Außerdem gab es dort ein kleines Gemüselager und die "Kammer"- eine Art Bekleidungskammer. Das zweite Gebäude war neu und nicht so massiv. Es enthielt Aufenthaltsräume, die Küche mit großen verschließbaren Kesseln, die sehr ordentlich waren. Außerdem gab es hier die "Schälküche" und einen Kohlenbunker. Rechts auf dem Hof, im rechten Winkel zu den beiden Hauptgebäuden, waren die Tischlerei, die Schmiede, die Duschen und der Abort. Ein wenig höher, in der Ecke, stand ein altes Steingebäude, dessen Keller als Lager für die Aufbewahrung von Karotten diente. Hinter der Küche war das Holzlager mit Fichtenstämmen zum Heizen. Dort standen auch die Aschkübel.

Ich möchte noch erwähnen, daß links am Lagereingang ein Postenhäuschen der SS war. Einige weitere Dinge waren noch mit Stacheldraht eingezäunt. In einem Schuppen standen einige Autos des Typs Citroen, die man in Frankreich gestohlen hatte. Alles sah recht ordentlich aus. Auf dem Hof zu spucken bedeutete Prügel. Auf den Hof zu pissen, hieß, wieder in die Hölle nach Osterhagen zurückgeschickt zu werden. Das Lager wurde von der SS geleitet. Es wurde von älteren Posten bewacht. Im Lager gab es einen Blockältesten, genannt der "Irre", ein politischer Deutscher, der seine Haftjahre nicht mehr zählen konnte. Er unterstand "Jacob", einem "Grünen" mit schriller näselnder Stimme, der Lagerältester war." (Orset 1948)

Die Funktionen der Hauptstelle lagen in der Verwaltung, Verpflegung, Versorgung (Wäschelager) und Krankenpflege ("Revier") für die drei Außenlager an der Bahnbaustelle. Die im Lager untergebrachten Häftlinge wurden, soweit sie nicht im Lager selber arbeiten mussten, als Bauhandwerker morgens mit dem Zug nach Niedersachswerfen zum Barackenbau verbracht. Wiederholt wurden Häftlinge auch zu Zivilarbeiten in Wieda eingesetzt, wohin einige gefährdete großstädtische Betriebe ausgelagert wurden. Für gelernte Häftlinge mußten 6, für ungelernte 4 Reichsmark an Tagesmiete gezahlt werden.

Die Bewachung des Lagers erfolgte durch Luftwaffenangehörige, die gleichwohl zu den Häftlingen ein sehr gutes Verhältnis gehabt haben sollen.

Nach dem 20.7.1944 wurde eine Sichtblende um das Lager gebaut, um den bis dahin recht freizügigen Kontakt mit der Bevölkerung zu unterbinden. Auf dem Schützenplatz soll es nach Feierabend zeitweilig wie auf dem Jahrmarkt mit musizierenden Gruppen von Häftlingen zugegangen sein. Gelegentlich wurden die Häftlinge zum Baden im Löschteich am Silberbach oder zum Fußballspiel gegen die Luftwaffenmannschaft durchs Dorf geführt, wobei der "Gefangenenchor" aus Nabucco gesungen wurde.

Zweiter Lagerführer war der in Dora wie zuvor in Mauthausen eingesetzte und berüchtigte Rapportführer SS-Oberscharführer Freys aus Köln. Anfang Juli hatte Freys in der Führung der III. SS-Baubrigade den wegen seiner nachsichtigen Haltung abberufenen SS-Obersturmführer Karl Völkner abgelöst. Lagerkommandant wurde nach dem 20.7.1944 dann SS-Obersturmführer Behrens, der später von SS-Untersturmführer Karl Merkle aus dem Banat abgelöst wurde. Erster hatte die Lagerordnung unverzüglich verschärft. Letzter war dann noch für die Evakuierung verantwortlich, hatte aber während dieser die Brigade im Stich gelassen, indem er sich am 9. April in Zivil absetzte.

Als Lagerältester und Kapo diente in der Schreibstube der französische Häftling Georges Pieper, der zuvor die gleiche Funktion in der Schreibstube von Dora innehatte. Bei der späteren Evakuierung ist er nach eigenen Angaben bis Gardelegen gelangt, habe die dortigen Massaker überlebt, und war bereits Anfang Mai 1945 wieder in Wieda, wo er alsbald zahlreiche Einzelheiten dieser Ereignisse wiedergeben konnte.

Vom Stammlager wurde mittags warme Suppe als Verpflegung für die Arbeiter am Bahndamm mittels Kraftwagen versandt. Nur vereinzelt gelangten Kranke zur Pflege nach Wieda, so am 6.12.1945 Aimé Bonifas; die meisten Kranken blieben auf der Baustelle, bis sie bei der Arbeit tot zusammenbrachen.

Aimé Bonifas berichtet über seinen Aufenthalt in Wieda:

"Am 6. Dezember, einem eisigen Tag, verlasse ich Mackenrode Richtung Wieda. Weil ich im Lazarett keine Kleidung brauche, zwingt man mich, meine Jacke und meine Hose für einen anderen Gefangenen dazulassen, und steckt mich halbnackt auf das Verpflegungsfahrzeug. Das ist offen und -fährt schnell. So gut ich kann, presse ich mich an die Kabine. Bei der Ankunft bin ich buchstäblich erstarrt von der Kälte, man muß mich herunterheben.... Nach dem anstrengenden Transport - wenn ich Fieber gehabt hätte, wäre ich unterwegs gestorben - erlebe ich die köstlichsten Stunden, die man sich vorstellen kann. Man zieht mir meine Wäsche aus, sie wird zur Desinfektion gegeben, und steckt mich in ein Vollbad mit warmen Wasser... es ist eine Rückkehr ins Leben. Ich wasche mich von Kopf bis Fuß mit Seife und warmen Wasser, ein Luxus, der mir seit 6 Monaten nicht widerfahren ist. Man muß unter dem Schmutz gelitten haben wie wir, um die Wollust zu verstehen, die ich empfinde... Ein Arzt untersucht mich... zum Glück ist es wieder ein französischer Arzt, Dr. René A[utard] aus Gap...

Vierzehn Tage darf ich im Bett verbringen. Der Doktor läßt mich solange darin, wie er Platz hat...Wir bekommen als Kranke oft Nachschlag, manchmal sogar Milch. Die Nähe der Küchen bringt es mit sich, daß wir besser versorgt werden als die entfernteren Lager, die es doch so dringend nötig hätten... Am 23. Dezember muß ich das Revier verlassen... Während ich darauf warte, wieder in ein Arbeitslager verschickt zu werden, beschäftigt man mich damit, Gemüse für die Küche zu putzen... So verbringen wir unser zweites Weihnachten in Gefangenschaft, in Feindesland, in einer Welt im Krieg, hinter elektrisch geladenem Stacheldraht unter dem Terror der SS." (Bonifas, S. 140 - 145)

74 Todesfälle, davon 2 Erschlagene, sind für die III. Baubrigade in Wieda registriert worden. Die Zahl muss deutlich höher liegen, da viele Kranke auch nach Dora verlegt wurden und dort starben. Hierauf weist Albert van Dijk hin, der als Heizer auf der Feldbahnlok tagtäglich das Gebiet zwischen Tettenborn und Mackenrode abfuhr und so über die Geschicke der Häftlinge recht guten Überblick erlangen konnte.

Die schwierigeren medizinischen Fälle wurden unmittelbar im KZ Mittelbau-Dora behandelt. Wie eine solche "Therapie" aussah, beschreibt Orset recht unvergesslich:

"Halberfroren kamen wir in Dora an. Der Lkw hielt in der Nähe von "Mineralwasser". Man half mir abzusteigen. An diesem Morgen war der große Zeh meines rechten Fußes erfroren. Den ganzen Winter über litt ich daran. Selbst als es dann Sommer wurde, verspürte ich noch Schmerzen. Die Tagschicht rückte zur Arbeit in den Tunnel ein. Ich sah kein bekanntes Gesicht. Die anderen drehten sich nach uns um und machten ihre Bemerkungen über unseren körperlichen Zustand und den Zustand unserer Kleidung. Manchmal hoben sie ihre Schultern, wie um uns zu fragen. Wir sagten nur: "Osterhagen". Damit war unsere Situation schon erklärt.

Unser Posten aus Wieda begleitete uns und brachte uns zum Revier. Der französische Arzt, der mir vor acht Monaten Holzkohle gegen Durchfall gegeben hatte, untersuchte uns. Unser ganzes Elend war sehr offensichtlich. Der Arzt rief die anderen Mediziner hinzu und sagte: "Hier sehen Sie die Ergebnisse aus Osterhagen. Sehen Sie sich die Männer an, die man uns geschickt hat." Er stellte uns auch einem jungen und lebhaften SS-Offizier vor, der gerade vorüberging. Es war der Revierarzt. Aber dieser zeigte kein Interesse an uns drei Skeletten. Ein sympathischer Belgier horchte uns ab. Wir wurden geröntgt. Nur ein einziger von uns wurde als krank aufgenommen. Wir standen der Situation ohnmächtig gegenüber. Wir durften nicht in Dora bleiben. Per Lkw ging es zurück nach Wieda."(Orset 1948)

Von sechs Häftlingen berichten Aimé Bonifas und Albert van Dijk, die am Vorabend der Evakuierung beim Einsturz von völlig überbelegten, mehrstöckigen Bettgestellen zu Tode kamen. Sie wurden morgens am 7. April notdürftig am Waldesrand verscharrt. Auf dem Friedhof der Gemeinde Wieda weist ein Grabkreuz auf diese, auf Veranlassung der Alliierten von dem ehemaligen Lager nach dort umgebetteten "sechs unbekannten KZ-Angehörigen" hin

Paul Rassinier, er war nicht in der Baubrigade, berichtet aus dem Krankenrevier in Dora über einen Lagergenossen aus dem Stammlager Wieda:

"Vorher hatte ein Häftling neben mir gelegen, der einen Monat in Wieda zugebracht hatte; er hatte mir erzählt, daß die 1500 Insassen dieses Lagers nicht allzu unglücklich waren. Natürlich mußte man arbeiten und bekam auch wenig zu essen, aber man lebte wie in einer Familie: am Sonntagnachmittag kamen die Dorfbewohner zum Tanz außerhalb des Lagers beim Klang der Akkordeons der Häftlinge, wechselten freundschaftliche Gespräche mit ihnen und brachten ihnen Lebensmittel. Anscheinend war dies aber nicht von Dauer, die SS bemerkte es, und in weniger als zwei Monaten ist Wieda ebenso hart und unmenschlich geworden wie Dora."

Erst nach der Evakuierung am 7.4.1945, und zwar in der Nacht vom 14. auf den 15. April brannte das Schützenhaus nieder. Ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug beobachtete am 16. April Personen mit offensichtlich verdächtigen Tätigkeiten in dem Lagergelände. Durch eine daraufhin von Bodentruppen aus östlicher Richtung abfeuerte Granate ist ein Wiedaer Bürger ums Leben gekommen. Zu diesem Zeitpunkt war aber das Schützenhaus bereits, möglicherweise infolge Brandstiftung, abgebrannt.

Wieda wurde dann am 18. April 1945 von amerikanischen Einheiten eingenommen. Zuvor bereits wurden die verlassenen Lagergebäude von den Dorfbewohnern geplündert. Die blauweiße Lagerbettwäsche fand sich später umgearbeitet zu Schürzen und Gardinen im Dorfe wieder. Auch Möbel und zurückgelassene Lebensmittel wurden mitgenommen.

Drei in Ufernähe zur Wieda stehende Baracken sind erst durch ein Hochwasser 1947 unterspült und danach abgerissen worden. Nach dem Krieg war im Lagerbereich östlich der Straße eine Schmierseifenfabrik (Marke "Erama") eingerichtet. Die Fläche ist in jüngerer Zeit mit Wohnhäusern und einem Gewerbebetrieb bebaut worden.

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