Aus dem Bericht von A. Bonifas über das Lager Mackenrode

1972 besucht Aimé Bonifas, dann schon als französischer protestantischer Pastor, wieder Mackenrode, wo er zur Zwangsarbeit eingesetzt war. In seinem Buch "Häftling 20801" beschreibt er seine Zeit in diesem Lager, die am 1. September 1944 begann: "Dann kommt das Signal zum Abmarsch. Wir sind also nur solange in Dora geblieben, wie nötig war, um uns alles abzunehmen. Unsere Kolonne verläßt das Lager zu Fußß aber, o Wunder, wir sind nicht von SS bewacht, sondern von Soldaten der "Luftwaffe". Nachdem wir durch die Vorortstraße einer Industriestadt marschiert sind, kommen wir auf eine Straße zweiter Ordnung mit Apfelbäumen zu beiden Seiten. Wir starren nach diesen unerreichbaren Früchten... Von den Soldaten werden wir korrekt behandelt, aber der Weg dehnt sich... und dann die stechende Sonne. Unser schlechtes Schuhwerk reibt uns wund; mehrere gehen schon barfuß... Am Spätnachmittag... nach 25 km... kommen wir in dem Dorf Mackenrode an. Mitten auf einer Wiese erwartet uns eine von Stacheldraht und vier Wachttürmen umgebene Baracke. Dieses ganz kleine Lager macht einen recht guten Eindruck... Beim Eintritt werden wir von einem SS-Offizier in Empfang genommen... Man zählt uns und man zählt uns noch einmal, um ganz sicher zu sein, daß die zweihundert Neuen auch wirklich da sind. Ach, diese unendlichen Zählappelle! Dann teilt man uns in drei Gruppen; ich gehöre zu denen, die in Mackenrode bleiben. Die zwei anderen Gruppen gehen zu den Lagern von Nüxei und Osterhagen... Wieder einmal werde ich von guten Kameraden getrennt.

Das Lager befindet sich direkt bei dem Dorf Mackenrode. Wir können alle Häuser erkennen und den hohen Turm einer evangelisch-lutherischen Kirche. Der Anblick dieser Kirche wird mir in den folgenden Tagen oft ein Rätsel. Ich habe nicht zu richten, und ich weiß nicht, wer die sind, die sich dort versammeln, aber wie kann man so dicht bei solchen Ungerechtigkeiten vom Himmel reden? Wir sehen Leute, die mit Feldarbeit beschäftigt sind... Bis die Herbstregen den Boden aufweichen, ist die Wiese ein ganz angenehmer Aufenthalt, dann wird sie ein unpassierbarer Sumpf... Ein Brunnen liefert uns in sehr beschränktem Umfang Trinkwasser...

Am nächsten Morgen nach dem Appell werden die Arbeitskommandos zusammengestellt. Unweigerlich sind die undankbarsten Posten für die Neuangekommenen bestimmt. Ein Kapo erklärt, daß er starke Männer braucht. Da ich von Ödemen gedunsen bin, schickt er mich auf Kommando 1, das härteste Kommando, das Waldkommando. Wir marschieren drei Kilometer und kommen in einen schönen Buchenwald, in dem riesige Bäume geschlagen sind. Nach einer sehr kurzen Erklärung müssen wir sofort unter Anleitung eines stark schielenden Meisters und angetrieben von einem Kapo, der ostentativ mit seinem Knüppel herumspielt, alle Zweige von den Bäumen abhacken... Am Boden liegt eine erhebliche Anzahl riesiger Stämme, und man macht uns klar, daß wir sie von hier fortschaffen müssen.

Während wir uns noch fragen, mit welchen Hebeln und mit welchem Rollensystem wir sie vom Platz bewegen könnten, stürzt sich der Kapo auf uns, schäumend, sichtlich empört, weil wir nicht verstehen, daß wir sie mit unseren eigenen Armen wegbringen müssen. Als ein Kamerad ihm erwidern will, daß das über unsere Kräfte geht, kriegt er belehrende Fußtritte, damit er die Grundbegriffe kapiert. Das ist ihre Kultur, die auch in ihrer gemeinen Redeweise zum Ausdruck kommt. Wir haben vergessen, daß wir auch hier wie überall in Deutschland nur Sträflinge sind und daß wir nur eins zu tun haben: Schnauze halten und krepieren. Unter einem Hagel von Faustschlägen und Fußtritten müssen wir uns die Technik der großen Sklavenarbeiten aus der Antike aneignen. Mithilfe von Knüppeln... und sechzig Mann pro Stamm gelingt es uns, den Stamm hochzuheben... Was für ein Unternehmen!..

Unsere Arbeit hat den Zweck, die Trasse für ein neues Eisenbahngleis zu legen. Man drängt uns, denn der Winter mit seinen Frösten steht bevor und damit die Gefahr, daß die Arbeit sich verlangsamt oder unterbrochen werden muß... Eine angenehme Überraschung ist die Verpflegung. Die Suppe, die wir hier empfangen, ist dick und mehr ein Kartoffelbrei mit Fleischstückchen. Wir kriegen davon fast jeden Tag anderthalb Liter. Zu dritt müssen wir uns ein Vierpfundbrot teilen und am Sonntag sogar nur zu zweit. Dazu gibt es 50 Gramm Margarine und ein Stückchen Wurst oder Käse. Leider bleibt es nicht bei diesen Portionen... Ganz offensichtlich fehlen gewisse Dinge völlig: Zucker, Fett, frisches Gemüse, Vitamine...

Unsere Baustelle geht durch mehrere Dörfer. Die wenigen Einwohner, die sich auf unserem Weg sehen lassen, bezeigen uns nur Verachtung. Einmal spuckt uns ein junges Mädchen an... Die Einrichtung des Lagers ist immer noch sehr dürftig, und mit dem Beginn der schlechten Jahreszeit fängt wieder das Elendsleben an. Am Morgen müssen wir bei strömendem Regen zum Appell heraustreten. Wir gehen zur Arbeit im Regen, wir arbeiten zwölf Stunden draußen im Regen und kehren durchweicht bis auf die Knochen zurück. Unsere armselige Bekleidung ist völlig vollgesogen mit Wasser, wir haben nichts zum Umziehen, nicht das kleinste Feuer, uns zu trocknen. Glücklicherweise haben wir zu zweit eine Decke zum Zudecken, und das erlaubt mir, mich teilweise auszuziehen. Aber man muß sich den Augenblick vorstellen, wenn einen der Pfiff vor Morgengrauen aus dem Bett jagt und man von neuem das feuchte Zeug anziehen muß. Das Lager verwandelt sich in einen Sumpf, und der Appell in diesem Schlamm, in dem man bis zu den Knöcheln einsinkt, ist eine gefürchtete Strapaze. Der Schmutz überfällt uns förmlich... Das Thermometer sinkt unter Null. Ein scharfer Wind reißt die letzten Blätter von den Bäumen, und ein Vers von Lamartine kommt mir ins Gedächtnis:

‚Das ist die Zeit, da alles fällt, da starke Winde sich erheben;
von Gräbern bläst es eisig her und mäht dahin, die heut noch leben.'

Unsere Bekleidung, die infolge der Waldarbeit in einem erbärmlichen Zustand ist, wird nicht ersetzt. Es gibt im Lager keinerlei Bekleidung zum Austauschen. Wir tragen seit drei Monaten dasselbe Hemd, haben keinen Pullover, keinerlei Regenschutz. Wir sind durchweicht von Schneegestöber. Das Wasser ist so kalt, daß selbst die mutigsten Leute sich nicht mehr waschen. Ungeziefer tritt auf, und wir kratzen uns bis aufs Blut. Ich gehe mit Schuhen ohne Sohlen durch den Schnee und den Schlamm. Den ganzen Tag stecken meine Füße in diesem eisigen Bad... Die Lokomotiven, die unsere Loren ziehen, stehen aus Kohlemangel oft still. Man merkt sehr wohl, daß es um das Transportwesen im Kriegsdeutschland nicht zum besten bestellt ist. Die Meister beschränken sich darauf, uns mit Instandsetzungsarbeiten an den Abschnitten zu beschäftigen, die zwar schon fertiggestellt, aber durch Regen und Frost beschädigt sind. Böschungen und Dämme sind unterspült, und man wird vieles noch einmal machen müssen. Unsere steifen Finger können die Stiele unserer Werkzeuge nur mit Mühe halten, und dabei wird es unmöglich, sich auch nur das kleinste Stück Stoff zur Anfertigung von Handschuhen zu besorgen.

Eines Tages rutscht der vom Wasser ausgewaschene Damm bei der Durchfahrt der Lokomotive ab, sie legt sich auf die Seite. Der Heizer, ein Häftling, ein guter italienischer Junge, kriegt den ganzen Inhalt des kochenden Kessels ab. Er brüllt auf; man zieht ihn aus... die Haut fällt in Fetzen ab... zwei Stunden bis ihn ein Lastwagen in das Lazarett nach Wieda bringt... Im Laufe des Abends stirbt er."

Das Außenlager Mackenrode

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